In Afghanistan haben die Taliban den Krieg gewonnen. Die Macht übernommen. Fast niemand kämpfte. Die Angst vor erneutem Terror und Unterdrückung bleibt. Ein Desaster. Wie konnte das geschehen?

Der luxemburgische Politologe Armand Clesse stellt sich viele Fragen. Die internationale Politik gehört zu seinem Spezialgebiet. In einem Artikel den er “Das vorhersehbare westliche Debakel in Afghanistan” nennt, versucht er die verworrenen Zustände dem Bürger zu erklären. Rückblickend glaubt man leicht, “Geschichte” voraus gesehen zu haben, nicht genau, aber ungefähr. Die Wahrheit ist, dass Armand Clesse, nicht nur als Politologe, vieles über Afghanistan voraussah. Sein Artikel gibt genügend Zeugnis davon. Clesse nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er von den gegenwärtigen, gesellschaftlichen, politischen, kulturellen, auch “geistigen” Zuständen des Westens und Afghanistans schreibt. Da kommt einer mit Niveau! Um Armand Clesse zu verstehen, muss man die Vorgeschichte kennen, ungleich gründlicher, als viele es damals taten.

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Nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 auf das World Trade Center wurden die nie gelösten Konflikte unterdrückt um danach wieder im Offenen zu brennen. Clesse erklärt, wie zerbrechlich die ganze Anordnung ist, im Innern Afghanistans wie auch außerhalb; und wie alles zusammenhängt in Raum und Zeit. Mit seinem geschulten Blick ist Clesse ein Kompass. Mit seinem Artikel trifft er ins Schwarze. Er weiß, dass die Amerikaner eine furchtbare moralische Schuld in Afghanistan zurückgelassen haben.

Die düstere Prophezeiung, die Taliban in Afghanistan kämen wieder an die Macht, bewegt sich bei Clesse schon lange als Möglichkeit, wenn er schreibt: “Marionettenregime überleben nicht lange den materiellen Rückzug ihrer Schutzherren, egal wie gut sie von diesen materiell ausgestattet worden sind.”

Etwas sozialer sollte es in Afghanistan werden. Mit Hilfe der Amerikaner, sollten die Afghanen sich versöhnen, indem sie sich von den Bosheiten und religiösen Ungereimtheiten der Taliban allmählich befreien. Auch dazu findet Clesse eine Antwort, wenn er schreibt: “Militärische Macht allein, wie groß und überlegen sie auch sein mag, genügt nicht, um dauerhaften gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen. Man kann ein Land zurück in die Steinzeit bomben, aber nicht nach vorne in die Moderne.”

Clesse weiß, dass es in Afghanistan zwei Parallelwelten gibt. Nur ein sehr kleiner Teil der Afghanen ist wirklich in das liberale System der Amerikaner hineingewachsen – dessen Dauer die Elite für selbstverständlich nimmt. In der Hauptstadt Kabul und in anderen Großstädten leben Reiche und Gebildete ihre Freiheiten aus. Auf dem Land herrschen Armut und Analphabetismus. Hier steht vieles still, und zwar schon seit Jahren. Die Taliban bauen hier eigene Strukturen auf – oft mit Zustimmung der Bürger. Andere werden durch bewaffnete radikale religiöse Fanatiker in Geiselhaft gehalten oder sogar getötet.

Armand Clesse, der besser mit den Dingen Vertrauter, weiß wie künstlich und unfest die Anordnung des “neuen Afghanistan” ist: Demokratie auf dem Papier, verfälscht in der Wirklichkeit, durch die Wirklichkeit. Was immer es mit der Aufrichtigkeit des Westens auf sich haben mag, wie steht es mit Amerikas Aufrichtigkeit? Clesse: “Die Amerikaner und mit ihnen andere westliche Staaten wollten, mit viel Verspätung, die europäische Aufklärung nach Afghanistan bringen: den Triumpf der Vernunft, den Glauben an den Fortschritt, Säkularisierung, Verzicht auf uralte Sitten und kulturelle Gewohnheiten, die in Widerspruch zum westlichen Katalog der Menschenrechte stünden, eine forcierte Okzidentalisierung, Afghanistan fit zu machen für die Modernität und den angelsächsischen Kapitalismus, das Land sozusagen im Handumdrehen aus dem Mittelalter ins digitale Zeitalter führen, aus Afghanistan einen Akteur zu machen, der munter mitschwimmen würde im unaufhaltsamen Globalisierungsstrom”. – ”Es ist unsinnig, den Menschen eine Freiheit bringen zu wollen, die die meisten gar nicht wollen.”

Jetzt sind die eitlen Führer der Taliban wieder an der Macht. Wie leere Hülsen und mit religiösem Charakter in einem verkrüppelten, verarmten Land. In ihrer großen Mehrheit sind es die Männer des alten Afghanistans, nur älter und vielleicht auch radikaler geworden. Clesse schreibt: “Afghanistan fiel schließlich wie eine wurmstichige Frucht vom Baum. Was übrig bleibt ist ein gigantischer politischer Scherbenhaufen.”

Im Reich der Politik ist alles extrem. Clesse schreibt: “Die westliche, vor allem amerikanische Niederlage in Afghanistan wird die Gewichtsverschiebung im globalen Ringen um die Vormachtstellung in der Welt weiter zuungunsten des Westens beschleunigen. Für einen strategischen Bobachter ist nur schwer zu begreifen, weshalb die USA nach ihren desaströsen Erfahrungen die Politik der unüberlegten Engagements und damit der Selbstschwächung fortsetzten. Es ist nicht einmal sicher, ob sie und ihre Verbündeten aus den fatalen Fehleischätzungen lernen werden.”

Armand Clesse kritisiert die Schwäche und Passivität der Nordatlantischen Allianz (Nato). Er zeigt mit dem Finger auf die Vereinten Nationen, “wo es nichts als salbungsvolle Reden gibt, die meistens während oder nach Debakeln geschwungen werden: es gibt keinerlei “international governance” so wie es keine “international community” gibt.

Es lohnt sich diesen Artikel zu lesendenn nur so kann man sich annähernd ein Bild davon machen, was einen Staat wie Afghanistan dazu bringt sich solchen Strapazen zu unterwerfen.

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