Es klingt wie eine Horrormeldung.

Eine heute 30-jährige Luxemburgerin musste sich am 23. April 2021 auf ihrem Arbeitsplatz einem PCR-Test (direkter Nachweis einer Corona-Infektion) unterziehen. Kurz nach Einführung des etwa fünfzehn Zentimeter großen Tupfers tropft ihre Nase. Sie hat plötzlich Kopfschmerzen und salziges Wasser (Liquorrhoe) im Mund. Ruhe oder Schlaf bringen keine Besserung. Wasser läuft beständig aus der Nase. Sie kann nicht mehr arbeiten. Liegt waagerecht, weil sie aufrecht Kopfschmerzen hat. Das vermehrt gebildete Wasser läuft aber im Liegen viel leichter in den Rachenraum ab, wo es einen Hustenreiz auslöst. Gewohnten Tätigkeiten kann die Frau nicht mehr nachgehen. Sie läuft von einem Arzt zum anderen. Es folgt eine Odyssee von Facharzt zu Facharzt und ein Aufenthalt in der Klinik. Doch die Fachärzte können die Quelle der laufenden Nase nicht identifizieren. Niemand fällt auf, dass eine laufende Nase eine Sonderursache haben kann, wie Verletzungen der Schädelbasis, bei denen Hirnwasser (Liquor) aus der Nase austritt. Schließlich schickt ein Kinderarzt die Frau zu zwei Neurologen.

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Hirnwasserverlust: Leck in der Hirnhaut

Innerhalb weniger Tests kommen die Ärzte auf die richtige Diagnose: Die Ursache ist eine spinale Liquor Fistel. Anhand der Auswertung von bildgebenden Verfahren (Ultraschalluntersuchung, Computertomografie (CT) und Magnetresonanztomografie (MRT)) sowie eines fluoreszierenden Farbstoffs entdecken sie auf der linken Seite ein Leck im Submillimeterbereich. Die Verletzung ist durch das Kontrastmittel, das in den Sinus und in Richtung Nase fließt, auf den bildgebenden Verfahren sichtbar. Dabei zeigt sich der genaue Ort des Lecks. Die Öffnung ist sehr klein und daher schwer zu diagnostizieren. Was dafür spricht, dass der Liquor Verlust in medizinischen Untersuchungen oft nicht erkannt wird. Die Mediziner gehen davon aus, dass der Nasenabstrich bei dieser Patientin die Schädelbasis perforiert hat. Mit anderen Worten, der Nasenabstrich hat das Gehirn offensichtlich berührt. Hirnwasser, das eigentlich das Gehirn umgibt und das wichtige Organ polstern und schützen soll, tritt aus.

Die Patientin wird sofort zur Operation ins Krankenhaus gebracht. Vor dem chirurgischen Eingriff wird eine Anamnese der Patientin erhoben. Die Kenntnis früherer oder aktueller Erkrankungen, Operationen und Medikationen hilft bei der Identifizierung so genannter “Risikopatienten”.

Nach der Anamnese entscheiden sich die Ärzte für einen raschen mikrochirurgischen Eingriff, weil sonst die Kopfschmerzen in ein chronisches Stadium mit zunehmender Beteiligung von Hirnnerven und vegetativen Symptomen übergehen können. Eine Entnahme von Nervenwasser im unteren Bereich der Wirbelsäule (Lumbalpunktion) ist nötig. Am 23. Juli 2021 wird das Liquor Leck operiert und mikrochirurgisch verschlossen.

Die Neurologen wollen den Fall veröffentlichen

Es scheint, dass es das erste Mal in Luxemburg ist, dass nach einem Nasenabstrich zum Screening auf Covid-19 ein Liquor Leck gemeldet wird. Die Mediziner gehen davon aus, dass es sehr wenige Fälle dieser Art gibt, obwohl das Liquorverlustsyndrom keine neue Erkrankung ist. Jetzt wollen die Neurologen den Fall veröffentlichen. Weltweit werden täglich etwa 6 000 medizinische Artikel veröffentlicht. Allein das Institute for Scientific Information (ISI) wertet in seiner Datenbank über 16.000 internationalen wissenschaftlichen Journals aus.

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Weit entfernt von der Realität

Um diese PCR-Tests effektiv und sicher durchzuführen und um zu verhindern, dass keine zerebrospinalen Verletzungen (Liquor Leck) entstehen, muss das medizinische Fachpersonal gut ausgebildet sein.

Nicht selten stellt sich aber in der Praxis heraus, dass es an Knowhow und Erfahrung mangelt. Die Tester arbeiten oft ohne zureichende Kenntnis. Das Ergebnis der Eingriffe ist deshalb oft kaum vorhersagbar. Das angestrebte Resultat ist in vielen Fällen nicht erreicht und kann wie in diesem Fall, schlimme Folgen haben. Wenn Menschen von X-Beliebigen getestet werden, dann besteht ein großes Risiko, dass schwerwiegende Fehler geschehen, Menschen irreparablen Schaden zugefügt wird.

Wenn aber das Knowhow und die Erfahrung die Probleme sind, dann müssen genau diese Probleme gelöst werden. Die PCR-Tests sollten immer von Profis (nicht von Laien) durchgeführt werden. Auch alternative Methoden zum nasalen Screening sollten bei Risikopatienten mit einer Vorgeschichte von Tests auf dieser Ebene in Zukunft in Betracht gezogen werden.

Sie will ein normales Leben führen

Als die Frau nach der Operation ohne fremde Hilfe aus der Klinik geht, betritt sie biographisches Neuland. Sie ist froh, dass sie gerade noch einmal davongekommen ist. Doch ihr Leben hat sich radikal verändert. Der Druck, ein „normales“ Leben zu führen, ist vorhanden. Belege dafür, dass ein solcher Eingriff das Risiko für lebenslange und irreparable Schäden entfernt hat, gibt es keine. Die Frau hat eine schwere Operation hinter sich. Verletzungen hinterlassen Spuren. Mal sichtbar, mal nicht, oft unbeachtet und vergessen. Entscheidend für das Ausbilden ihrer Kopfnarbe ist die Tiefe der Verletzung. Auch Wohlbefinden und Lebensqualität sind wesentlich für ihre seelische Gesundheit. Zudem spielen finanzielle Faktoren eine wesentliche Rolle. Sie kann ihre Fähigkeiten nicht mehr zu hundert Prozent ausschöpfen, die normalen Lebensbelastungen nicht bewältigen. Nicht produktiv arbeiten. Für den erlittenen Schaden will die Frau Schadensersatz (finanzieller Ausgleich) geltend machen und einfordern. Denn wer vorsätzlich oder fahrlässig das Leben, den Körper, die Gesundheit anderer widerrechtlich verletzt, hat Anspruch auf einen Schadensersatz. Grundvoraussetzung ist, dass durch das Schadensereignis direkte Schäden entstanden sind. Zu diesen gehören sowohl materielle als auch immaterielle Schäden. Die traumatisierte Frau hat die Rechtsanwaltskanzlei Gaston Vogel damit beauftragt die Schadenersatzansprüche zu prüfen und einzufordern. Auf jeden Fall, soll die Patientin am 6. September 2021 neurologisch nachbeobachtet werden. Affaire à suivre !