Gedankengänge zu Umweltvergiftung und Klimawandel von René Oth

„Erst wenn der letzte Baum gerodet,
der letzte Fluss vergiftet,
der letzte Fisch gefangen ist,
werdet ihr feststellen,
dass man Geld nicht essen kann.“

Weissagung der Cree

Erst Hitzewellen, Dürre und Waldbrände, dann Starkregen, Unwetter und Hochwasser: Der Klimawandel verschärft die Wetterextreme nicht nur in Europa, sondern weltweit. Strategien dagegen sind längstens bekannt, Politiker müssten die Angelegenheit nur ernst nehmen und nicht auf die lange Bank schieben.

In diesen Tagen voller Furcht und Unruhe muss eine neue Erkenntnis in uns heranreifen. Wir stehen an der Schwelle zu einem unerhörten Umschwung, der seine Schneisen zieht und unser gewohntes Weltbild auf den Kopf stellt. Ungeheure Veränderungskräfte sind am Werk. Sie verkörpern Ende und Neubeginn und zeigen eine Ära der Umbrüche an. In der Tat stehen die Zeichen der Zeit auf totaler Erneuerung. Wir müssten uns schon lange darüber im Klaren gewesen sein, dass der stete Wandel das einzig Beständige in der Natur ist. Aber jetzt geht es nicht um langsam vorangehende Veränderungen, sondern um eine totale Wende innerhalb kurzer Zeiträume. Oder die Menschheit geht sehenden Auges zugrunde.

Die Natur hat immer recht

Die Erdbewohner wissen schon seit langem, dass ihr Heimatplanet ihrer speziellen Fürsorge bedarf und dass er als lebender Organismus mit Gewissheit eine Zeitlang für sich selbst sorgen kann, wenn der Mensch sich nicht mehr angemessen um ihn kümmert.

Lange hat die Natur sich offenbar selbst reguliert, hat ihre Selbstreinigungskraft ausgereicht, um der grassierenden Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden Herr zu werden. Unlängst aber ist der Zeitpunkt gekommen, an dem sie sich unaufhaltsam, durch die Schuld der Menschen, auf den Untergang zubewegt.Wenn man das Klima über die Maßen in Wallung bringt, schlägt es zurück und lässt die Welt Achterbahn fahren, denn es ist unberechenbar wie ein wildes Tier, und wir Umweltverbrecher piksen es mit Stöcken und reizen es ununterbrochen seit geraumer Zeit. Zwar hat es die Fähigkeit, sich selbst zu regeln, aber es neigt – wird ein kritischer Punkt überschritten – zu sprunghaften Veränderungen, und der Mensch wird dabei zum Spielball der Naturgewalten, was wir rezent selbst miterlebt haben.

Auch wenn bislang kein Unglück die Ligaturen der Zivilisation sprengen und keines die Umwelt unwiederbringlich zerstören konnte, wahr bleibt, dass die Natur keinen Spaß versteht. Sie hat immer recht und die Fehler und Irrtümer sind dem Menschen anzulasten.

Der Mensch als größter Schädling des Planeten

Die Vereinigten Staaten, Europa und China haben sich einmal mehr als Vorreiter erwiesen – diesmal auf dem Weg in das ökologische Desaster. Ein bedenkenloses Freizeit- und Konsumverhalten, ein ebenso unbedenklicher Umgang mit Energie und natürlichen Ressourcen, industrielle Bodenspekulationen und die fatalen Folgen wuchernder Städte mit ihren Straßen aus Beton und Asphalt und ihren versiegelten Flächen in einer einstmals intakten Landschaft – all das verdeutlicht den ganzen Wahnsinn künstlich errichteter Lebenswelten, in denen es an Grün- und Wasserflächen mangelt. Der Mensch, der größte Schädling des Planeten, hat tatsächlich durch Verantwortungslosigkeit, durch rücksichtsloses und gedankenloses Verhalten ein gefährliches Spiel mit der Natur getrieben und seine Erde mit ihrer Biosphäre gnadenlos vergewaltigt. Er hat die Spuren menschlicher Begierden unauslöschlich in das Gelände eingeschrieben. Der Yankee-Cowboy, der EU-Genussmensch und der chinesische Drache haben die Kneipe Erde leer getrunken!

Kann es angesichts der Tatsache, dass die USA mit nur vier Prozent der Weltbevölkerung 25 Prozent des globalen Kohlendioxid-Ausstoßes verursachen, einen erfolgreichen Klimaschutz ohne Amerika geben? Natürlich nicht.

Die Naturvergessenheit der Amerikaner

Den Beginn des klimatischen Unheils in der Neuen Welt hatte das Ethos des amerikanischen Westens eingeläutet, das die Natur als feindliche, zu unterjochende Macht wertete. Die Landschaft sollte das werden, was der Siedler, ein Pionier mit geradezu selbstmörderischen Eigeninteressen, in ihr zu sehen wünschte. Die Folge dieser abartigen Denkweise war die Urbanisierung zur Massenbesiedelung völlig ungeeigneter Gebiete, die beunruhigenden Wetterphänomenen unterworfen waren. Diese Naturvergessenheit, die zu guter Letzt zu einem städtebaulichen Wildwuchs führte, richtete falsche Erwartungen an die Umwelt und verdeckte lange Zeit den Umstand, dass die zwangsläufig eintretenden „natürlichen“ Katastrophen gesellschaftlich bedingt waren. Auch die

schlampige Leichtbauweise der Holzhäuser und die Anfälligkeit der über Masten verlegten Strom- und Telefonkabel trugen dazu bei, dass die Amerikaner den Unbilden der Witterung schutzlos preisgegeben waren.

Ihre Mentalität, eine Mischung aus Sturheit, Skepsis und Inselbewusstsein, war ohnehin für Katastrophismus wenig empfänglich. Ihren Augen entging auch nicht, dass die Neue Welt in weiten Teilen noch nahezu unbesiedelt war. Deshalb neigten sie eher dazu, Umweltveränderungen in geologischer Echtzeit statt im nervösen Sekundenrhythmus abendländischer Fortschrittskritiker zu sehen.

Die Entfremdung von der natürlichen Umwelt

Und nichtsdestotrotz musste es auch ihnen dämmern, dass die Oberfläche unseres Planeten in nur zwei Jahrhunderten gänzlich umgekrempelt worden war, völlig umgeformt, in großem Maße zugepflastert, von menschlichen Gedanken durchdrungen, die man durch den Einsatz immer effektiverer Technologien in eine materielle Form gebracht hatte. Damit war der Klimawandel herbeigeführt worden, hatte die Menschheit eine biosphärische Krise mit ungeheuren Ausmaßen entfesselt. Diese war bedingt durch die Entwaldung tropischer Gebiete, die Ausbreitung der Wüsten, die zunehmende Verarmung der Böden, die Intensivierung einer allgemeinen Wasser- und Nahrungsmittelknappheit, den Verbrauch an Ressourcen, die ansteigenden CO2-Emissionen, das Wegschmelzen der arktischen Eiskappe, das Ausdünnen der schützenden Ozonschicht, die Überfischung der Ozeane, das zunehmende Aussterben von Tier- und Pflanzenarten, die sich ausweitende Vergiftung von Luft, Wasser und Boden durch Industrie- und Agrarchemie… Und jedes Jahr wurden durch die globale Erwärmung immer neue Rekorde bei der Anzahl von Erdbeben, Waldbränden, Dürrekatastrophen, Hurrikanen, Tornados und anderen Desastern erzielt.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg in Europa gerade die letzten Pferde von den Äckern verschwunden waren, hatte man in Amerika bereits eine Realität gewordene Utopie von größtmöglicher Mobilität und Bequemlichkeit mit der gleichzeitigen Garantie eines uneingeschränkten Individualismus geschaffen. Dazu gehörte das effiziente Interstate-Autobahnnetz, das neben modernen Flughäfen und tausenderlei anderen kleinen Erfindungen die komfortable Überwindung der Distanzen im Riesenkontinent garantierte. So überformte eine hyperwirksame Metastruktur der Verkehrssysteme das wilde und entsetzlich große Land und ließ es in der Erfahrung seiner Bewohner auf ein nahezu menschliches Maß schrumpfen. In der Tat brauchte niemand mehr das Trauma der ersten Siedler zu fürchten, die ihre Planwagen durch den Schlamm der Great Plains zerren mussten. Doch nun flossen die Ströme dieses Infrastruktur-organismus immer zäher und drohten, bald ganz zum Erliegen zu kommen. Der Wandel vollzog sich ruckartig, und Amerika musste wohl oder übel dem in den letzten Jahrzehnten grassierenden Prassen und Protzen abschwören, das die Weißen immer weiter von der Natur entfernt und entfremdet hatte.

Die Indianer als Hüter der Erde

Die Amerikaner und auch die Europäer waren und sind noch immer weit vom indianischen Denken entfernt, in dem die Erde als irdisches Heim und als heiliger Ort betrachtet wird, als Teil einer göttlichen Schöpfung, den wir Menschen aus Europa entweiht haben und der sich dafür an uns rächen wird. In der Tat sind wir Zeugen davon, dass der blaue Planet bereits seit Jahrzehnten seine Muskeln aufbläht, uns nicht länger willkommen heißt und uns Denkzettel um Denkzettel verpasst.

Bei der tief verwurzelten indianischen Überzeugung von der spirituellen und vernetzten Natur aller Dinge sind natürlicherweise Umweltschädigungen und -zerstörungen weniger zu erwarten als bei der materialistischen Einstellung der Weißen, die die natürlichen Ressourcen rücksichtslos bis zum Gehtnichtmehr geplündert haben. Die «American natives» verstehen die Natur als geistig durchwirkt, sie sprechen jedem Tier, jeder Pflanze und auch jedem Stein eine eigene Geistseele, einen „spirit“, zu, sie spüren sich selbst tausendfältig in ihren Lebenskreis eingebunden, sie erfahren ihre Umgebung als Teil des einen Ganzen und nehmen gegenüber der als ganzheitlich erlebten Wirklichkeit eine Haltung der Achtung und Ehrfurcht ein. Deswegen haben sie stets als Hüter der Erde eine gesündere Weltanschauung gegenüber ihrer Umwelt als die ausbeuterischen Weißen. Diese haben die Natur bislang als seelenloses Material angesehen, das sie für ihre eigenen Herrschaftsansprüche unbekümmert und selbstherrlich zurechtbiegen können.

Wie soll der Geist der Erde die Bleichgesichter mögen? Überall, wo sie die Erde berührt und mit dem Pflug aufgerissen haben, ist diese wund geworden.

Die Indianer empfinden sich selbst als das Land. Ihre Augen sind der Himmel, ihre Glieder die Bäume. Sie sind der Fels und die Wassertiefe. Sie sind nicht auf der Erde, um die Natur zu beherrschen oder sie zu nutzen. Sie sind selbst Natur.

Die Fangzähne der Natur

Menschliche Schuldgefühle gegenüber einer als fragil empfundenen Natur sind heutzutage groß und viele Menschen wollen gegenüber der Natur sich allemal politisch korrekt benehmen. Natur in diesem Sinn ist aber reine Idylle. Ihre zerstörerische Kraft wird ausgeblendet. Umweltschutz darf nicht in Anhimmlung der Natur ausarten, als ob die Natur nur etwas Liebliches sei und nicht auch etwas Grausames, das Fangzähne hat und töten kann. Verletzlich ist die Natur auch nur so weit, als sie unverändert ‚bewahrt’ werden muss. Dass der Mensch selbst verletzlicher als die Natur ist und dass sich die Existenz vor allem armer Bevölkerungsgruppen als höchst prekär erweist, mag banal klingen, wird aber durch die großen Naturkatastrophen immer wieder drastisch vor Augen geführt. Der Schutz vor diesen Urgewalten ist auch ein sehr ernstes Anliegen und scheint im indianischen Denken überhaupt nicht zum Tragen zu kommen.

Das sind Gedankengänge, die den animistischen Vorstellungen der amerikanischen Ureinwohner fremd sind, die aber zugleich den Blick für die Grenzen unserer westlichen Sichtweise schärfen. In dieser ist kein Verständnis für eine erdheilungsbetonte Daseinsweise im Einklang mit der Natur und zur Erhaltung allen Lebens auf unserem Planeten vorhanden.

Der Indianer, der sich von seinem Grundgefühl her mit der Erde eins ist, fühlt sich nicht an eine feindliche Umwelt ausgeliefert, die ihn jeden Augenblick das Leben kosten kann. Im Gegenteil: Er hält sich stets von der nie endenden Fürsorge der Natur umgeben, die ihn liebt und ihn mit Nahrung versorgt. Dass Mutter Erde auch wie ein Berglöwe fauchen und ganze Landschaften mit Mensch und Tier verschlingen kann, derartige Desaster sind in seinem Weltbild nicht vorgesehen. Für uns Europäer hingegen ist Natur nicht nur schön, sondern oft grausam, desillusionierend. Wenn sie wirklich so gefährlich wäre und so brutal, wie wir lange Zeit dachten, hätten wir wahrscheinlich unsere Evolution nie geschafft und wären immer noch Menschenaffen im Bergregenwald. So gesehen ist die indianische Sichtweise vielleicht gar nicht so verkehrt.

Amerika ohne weißen Mann

Wenn man über die gesamte Umweltproblematik nachdenkt, dann läuft alles auf die Feststellung hinaus, dass der Mensch den Hauptstörfaktor für die Natur darstellt. Im Gegensatz zum Indianer, der im Laufe der Jahrtausende gelernt hat, mit seiner Umwelt und nicht gegen sie zu leben, hat der Weiße sich zu einer zerstörerischen Kraft par excellence entwickelt in seinem Bestreben, die Natur zu beherrschen, auszubeuten und nach seinen Wünschen radikal umzugestalten. Wir Bleichgesichter haben die evolutionären Bande der Natur zerrissen und uns an den Rand der Selbstzerstörung gebracht. Was wäre wohl in Amerika geschehen, wenn wir die Indianer in Ruhe gelassen hätten?“

Auf diese ausgezeichnete Frage könnte man beispielsweise mit folgender Antwort aufwarten: Zu allen Zeiten feierten die amerikanischen Ureinwohner die Erde und die darauf wachsenden Früchte. Hätten die Weißen nach ihrem Vorbild gelebt, gäbe es heute keine verschmutzten Flüsse und keine verpestete Luft. Wie Amerika dann heute aussehen würde, kann man sich mit einer gehörigen Prise Satire vielleicht so vorstellen: Hätte sich der indianische Lebensstil behauptet, könnte man in Amerika ohne Schadstoffbelastung, Protestbewegung, Arbeitslosigkeit, Bankenkrise, Inflation und Verbrechen in den Städten leben. Breite Fährten zögen sich über ungepflügte Prärien. Hohe vierstöckige Tipis würden ihre Zeltstangen in einen von Düsenflugzeugen ungestörten Himmel richten. Ein stabiles System von Muschelgeldwährung würde an Stelle des schwankenden Dollars herrschen. Die Sandelholzwälder wären nicht gefährdet. Der Wiedehopf würde die Sümpfe Floridas bevölkern. Der Kahlkopfadler und die Wandertaube durchflögen immer noch spielend die Lüfte. Und die Amerikaner würden in Ruhe im unberührten Urwald leben, gekleidet in selbstgegerbte Felle, tränken kaltes Wasser aus eisigen Flüssen und äßen nichts als gesunden, organischen Pemmikan, während die Geister ihrer Ahnen sie von den Begräbnisplattformen auf den Bäumen über ihren Köpfen wohlwollend betrachten würden.

Der weiße Mann hingegen ist global gesehen ständig als Zerstörer aufgetreten, der an einer grundlegenden Entfremdung von der Erde leidet. Abschätzigkeit gegenüber der natürlichen und materiellen Welt ist tief in dessen Kultur eingebrannt, aber auch in viele Religionen und in die Naturwissenschaft. Der Weiße, ein Klimakrimineller, verhält sich auf der Erde wie ein außerirdischer Eroberer, was auf Dauer nicht gutgehen kann. Ein Anfang wäre gemacht, wenn er zumindest anerkennen würde, dass er selbst Natur ist.

Indianer und Wissenschaftler auf derselben Wellenlänge

In unserer Einschätzung der indianischen Einstellung gegenüber der Natur sind wir uns bewusst, dass die moderne Naturwissenschaft in dieselbe Kerbe schlug, als sie im Fahrwasser des 1919 geborenen Biologen und Chemikers James Lovelock die Erde als einen von Leben beseelten Superorganismus definierte, vergleichbar mit etwa einem Insektenstaat von Ameisen. „Gaia“ – „Mutter“ – hatte der britische Forscher am Ende der 1970er-Jahre seine Idee von der Erde als lebendem Geschöpf mit der Kraft zur Selbstheilung genannt. Seine Gaia-Hypothese zur Physiologie unseres Planeten deckte sich in der Tat mit der Denkweise der Indianer: Ein Lebewesen zog im Weltall seine Runden, sein Bauch maß Tausende von Kilometern, in seinem Inneren kochte flüssiger Stein. Die kühle Außenhaut hatte sich in Leben verwandelt und unter einem dünnen Zelt aus Luft sich selbst als Milliarden von Organismen hervorgebracht, die alle untrennbar miteinander verbunden waren – auf Gedeih und Verderb.

Für die heutigen Wissenschaftler und auch für die Indianer ist die Erde also kein kosmischer Brocken toten Gesteins, sondern in seiner Gesamtheit etwas höchst Lebendiges – ein Superwesen, dessen Schicksal in des Menschen Hand liegt, weil es derzeit an hohem Fieber leidet und verzweifelt darum kämpft, sich kühl zu halten. Seine Regelkreise und Mechanismen lassen vermuten, dass hinter allem eine überragende Intelligenz steckt, eine ordnende Kraft, die weit über den Rahmen des menschlichen Ermessens und Berechnens hinausgeht. An den Schaltstellen der Natur sitzen zu einem großen Teil die Bodenbewohner, die Mikroorganismen, Würmer und Schleimpilze, von oben genährt durch Bäume, und sie alle erledigten die Schwerarbeit, die Gaia schon seit Jahrmilliarden am Laufen hält.

Weg mit dem westlichen Industriemodell

Wir haben uns schon oft die Frage gestellt, wie die Welt in nächster Zukunft den Wärmekollaps vermeiden könnte. Die Umkehr wäre offensichtlich nur dann möglich, wenn die Grundlagen unseres Wirtschaftssystems, unseres „verbrauchenden“, konsumorientierten Lebensstils fundamental verändert würden. Unser Industriemodell, das auf fossiler Energie, Autos und Wegwerfmentalität basiert, hat abgedankt.

In direkter Zukunft muss man die Werte und Gesetze der westlichen, auf Profit orientierten Produktionsstätten infrage stellen, an deren Speerspitze ein Ding aus Blech beharrlich vorwärtsdringt, weil es so vielen Menschen Vergnügen beschert – oder Machtgefühl oder Statusbehagen. Das Autofahren fusst effektiv auf dem archaischen Drang des schwachen Menschen, sich durch die Nutzung fremder Kräfte zu einem mächtigen Hybridwesen zu erheben. Nichts hat diesen Urtrieb bisher überzeugender als ein röhrender, rauchender Verbrennungsmotor befriedigt.

Vor mehr als 130 Jahren war das Auto erfunden worden: bloß ein Wimpernschlag im Kosmos, doch ein Urknall der Moderne. Gott, der Allesbeweger, war zum Motor mutiert, das Ferne hatte er nah gemacht, Gemütliches war rasend geworden, die wundersame Verwandlung von Materie in Form, Stoff in Energie, Finish in Raserei, Langeweile in Rausch war sein Werk. Ob das Kraftfahrzeug letztendlich von Gott, von Menschheitsträumen oder nur von ein paar Zylindern angetrieben wird, ist eigentlich unerheblich. Wie auch immer – dieser „Gott auf Rädern“ hat in der ganzen Welt abgewirtschaftet.

Wenn Götter sich ins Klima einbringen

Dass eine Gottheit ins Klimageschehen eingriff, war eigentlich nichts Neues. Schon im Alten Testament stand Jahwe als Schöpfer über der Natur, veränderte sie oder bediente sich ihrer, um den Menschen zu strafen oder zu belohnen.

Eine Stabilität der Gesellschaft, wie Umweltschützer sie derzeit anstreben, war bereits in der Geschichte über das Paradies ideal vorgegeben. Menschen und Tiere hatten im Garten Eden weder ihre Umwelt verschmutzt, noch stellten sie eine Gefährdung des irdischen Ökosystems dar. Elementare menschliche Bedürfnisse wie Unterkunft, Transport und Sicherheit existierten nicht. Nicht einmal Kleidung wurde benötigt. Es herrschte keine Rohstoffknappheit; der Mensch brauchte weder Produkte noch Werkzeug; es gab keine Produktionsrückstände oder sonstigen Abfall.

Adam und Eva wurden aus dem Paradies vertrieben, weil sie Gottes Wort nicht gehorchten. Modernen Naturprotektoren blieb jedoch lange unklar, warum eine intakte menschliche Gesellschaft über Nacht instabil geworden sein sollte, nur weil jemand von einer bestimmten Frucht gekostet hatte. Verständlich wird der dramatische Vorfall, der den paradiesischen Zustand beendet hatte, erst im Licht des heutigen Umweltschutzes, wenn der Verzehr der verbotenen Frucht als Frevel an der Natur gedeutet wird. Diesbezüglich hatte Gott Adam vorgewarnt: „Siehe meine Werke, siehe, wie wohltuend und gut sie sind. Alles, was ich geschaffen habe, habe ich für dich geschaffen. Hüte dich, meine Welt zu verderben und zu zerstören. Wenn du es tust, wird niemand sie wiederherstellen.“

In der Erzählung von der Sintflut wurden der überwiegende Teil der Menschheit und große Bereiche des Ökosystems durch die ansteigenden Fluten zerstört. Durch das Überleben der Familie Noahs und der Tiere, die in der Arche Aufnahme fanden, wurden jedoch das Fortbestehen der Menschheit und die biologische Artenvielfalt gleichermaßen gewährleistet.

Der Grund, den die Bibel für dieses ökologische Verhängnis nannte, war heutigen Umweltschützern lange Zeit auf den ersten Blick unverständlich. Wie hatte unmoralisches Verhalten der Menschheit zu einer derart gigantischen Überflutung des Planeten führen können? Doch kursiert ja jetzt nichts anderes als eine weltliche Version dieser biblischen Geschichte: Die Beheizung und Kühlung von Gebäuden, die industrielle Produktion und der Autoverkehr führen allesamt zu einer immer größeren Emission von Treibhausgasen und einer globalen Erwärmung der Erde. Schmelzende polare Eisdecken und zunehmende Überschwemmungen machen schon heute der Menschheit zu schaffen.

Auch die Naturkatastrophen der „zehn Plagen“ in Altägypten standen als religiöses Paradigma für ein gestörtes Verhältnis zwischen Gott, Mensch und Natur. In einer ökologischen Auslegung all dieser in der Bibel geschilderten Heimsuchungen kam man stets zur gleichen Schlussfolgerung: Immer wieder hatte der Mensch wider die Natur gesündigt, die dann durch Jahwe fürchterliche Rache übte. Die Erbsünde haftete an ihm, seit Gott ihn aus dem Paradies vertrieben hatte. Aus rezenter Sicht erweist sich diese Sünde als der „ökologische Fußabdruck“, den die Menschheit im Laufe ihrer Geschichte auf ihrem Heimatplaneten hinterlassen und dabei „Mutter Erde“ mit Füßen getreten hat.

Der bevorstehende Herzinfarkt der Umwelt

Für die Indianer ist Manitu, der „Große Geist“, überall in der Landschaft enthalten. Aus ihrer Sicht liegt das Gottähnliche einer Landschaft nicht unbedingt in ihrer Schönheit, sondern eher in ihrer Geduld. Der Landschaft nämlich ist es eigentlich egal, was die Menschen in ihr treiben; sie wartet ab, schaut zu, wie sich die vermeintliche Krone der Schöpfung in ihr abarbeitet, sie verändert, gestaltet, zerstört – bis zur Erschöpfung. Dann verwandelt sie sich wieder zurück. Gegenüber der allmächtigen Landschaft sind Menschen machtlose Wesen.

Der Landschaft ist es wahrscheinlich auch egal, ob die Menschen sie als schön von einem ästhetischen Standpunkt aus in Augenschein nehmen. Schönheiten der Natur verdienen es im Grunde, genauso gepflegt und erhalten zu werden wie Kunstwerke. Darum erwiesen sich die amerikanischen Nationalparks als solch eine wunderbare Idee. Und es wäre ein Frevel an der Natur gewesen, in Alaska, ausgerechnet dort nach Öl zu bohren, wo Eisbär und Rentier einander guten Tag sagen. Für sich selber genommen ist der Grand Canyon weder schön noch erhaben, er ist einfach nur ein Riss im Felsen. Erhaben wird er erst durch den Blick des Menschen, der ihn betrachtet. In der Quantenphysik redet man schon seit geraumer Zeit von der Verschränkung des Beobachters und des beobachteten Objekts. Man ist immer Teil der Wirklichkeit, die man sich anschaut und beschreibt.

Der Mensch hat sich so maßlos und frevlerisch in die irdische Wirklichkeit eingebracht, dass er auf Erden das einzige Tier ist, dem man nachsagen kann, es habe sein eigenes Nest derart beschmutzt, dass ein Weiterleben wie bisher sich als unmöglich erweist. In der Tat hat er sein planetarisches Heim total verdreckt. Die große Party des 20. Jahrhunderts ist endgültig vorbei, nun ist es an der Zeit, sauber zu machen und den Müll zu entsorgen. Braucht unser Planet nicht gerade jetzt einen Herzinfarkt – keinen, der alle umbringt, aber einen, der jedermann aufweckt? Sind die weltweite Ausbreitung von Corona und die extremen Wetterverhältnisse nicht schon die dräuenden Vorboten dieses Herzinfarkts?

Natur ohne den Menschen

Inmitten all dieser Gedanken, die uns als Folge der heutigen Weltlage durch den Kopf schwirren müssten, beschäftigt uns immer wieder die Frage, ob die Erde ohne den Menschen nicht besser dran wäre. Uns ist klar: Wenn wir darauf eine bejahende Antwort gäben, würden wir dem Weltbild radikaler Ökologen anhängen.

Obwohl dieser Geisteshaltung des Antihumanismus eine fundamentale Menschenfeindlichkeit unterschoben wird und Kritiker sie nicht nur als falsch, sondern auch als gefährlich einstufen, sind wir der Meinung, dass man sie trotzdem gutheißen muss. Denn die menschlichen Verbrechen an der Natur wiegen schwer und sind nicht einfach aus der Welt zu räumen.

Sind wir uns hier bewusst, was wir da befürworten? Eine grundlegende Misanthropie, eine überspitzte ökologische Ideologie, die besagt: Die Menschen sind ein Geschmeiß, der Planet hätte ohne uns bessere Überlebenschancen. Ist diese Geisteshaltung philosophisch nicht widersinnig? Von welchem Standpunkt aus wird denn da die Menschheit verurteilt? Von menschlicher Warte aus kann der Urteilsspruch offensichtlich nicht erfolgen. Ganz einfach: Wenn die Menschheit durch und durch verrottet ist, kann sie ja auch logischerweise keine moralischen Maßstäbe setzen, anhand derer sie zum Tode verurteilt werden muss.

Dagegen kann man zugleich besserwisserisch und verschmitzt einwenden: Wenn der Mensch nicht gleichzeitig Angeklagter und Rechtsprecher sein kann, wer kann dann die Menschheit verdammen? Kann dies aus göttlichem Blickwinkel geschehen? Aber wissen wir denn eigentlich so genau, was Gott im Einzelnen von der Menschheit hält? In Bibel und Koran haben wir es anfangs mit einem gewalttätigen Gott, der als gnadenloser Rächer auftritt, und später eher mit einem barmherzigen Gott zu tun, der den Menschen immer wieder ihre Sünden verzeiht. Kann ein Gott denn auch heute noch zur Vergebung bereit sein?“

Eine Antwort auf diese dornige Frage ist schwierig. Wenn der Mensch sich nicht selbst verurteilen kann und Gott ihn vielleicht nicht verdammen will, wird die Menschheit dann vom Standpunkt der Natur aus gerichtet? Da müssen wir zwei Einstellungen zur Natur unterscheiden.

Dem westlichen konservativen Denken verhaftete Europäer oder Amerikaner würden ganz einfältig behaupten: Die „Natur“ als solche gibt es nicht. Die „Natur“ ist einfach die Summe aller natürlichen Prozesse, sie ist kein Subjekt. Damit die „Natur“ über die Menschheit richten kann, müssen wir sie erst einmal mythologisieren, sie zu einer Gottheit machen, zu „Mutter Natur“. Und Mutter Natur ist grausam. Mutter Natur kennt eigentlich nur ein Recht, das Recht des Stärkeren, was sich durch jedes Lehrbuch über Evolutionsbiologie belegen lässt.

Die Indianer jedoch haben aus der Natur ihr ‚großes allumfassendes Geheimnis’ gemacht, eine das Universum durchdringende Kraft, die in allen Wesen, Dingen, Tätigkeiten und Erscheinungen enthalten ist. Hier wird Gott zum Subjekt, Natur zur Summe aller Kräfte, zu einer unpersönlichen, körperlich nicht wahrnehmbaren Weltseele. Und im indianischen Weltbild kommt die Natur, wie wir bereits festgestellt haben, als zerstörerische Macht nicht vor. Die amerikanischen Eingeborenen fühlen sich nämlich durch ihre und in ihrer Umwelt gänzlich geborgen und vermögen sich nicht vorzustellen, dass diese ihnen feindlich gesinnt sein könnte. In dieser Denkweise verschmelzen Gottheit und Natur zu einem einheitlichen Überwesen, das Naturschänder ohne Weiteres zur Rechenschaft ziehen kann.

Aus indianischer Sicht hat der bleichgesichtige Klimakiller nicht nur seine Umwelt auf dem Gewissen, sondern er hat sich darüber hinaus auch des Gottesfrevels schuldig gemacht. Dadurch, dass er den überall in der Natur gegenwärtigen “Großen Geist“ vergewaltigte, hat sich dessen göttlicher Zorn auf ihm entladen. Wut hat natürlich keinen guten Ruf. Aber auch Götter können der ressentimentgeladenen Variante eines „gerechten Zorns“ anhängen, der auf Vergeltung sinnt und es den Frevlern heimzahlen will.

Tschernobyl als Paradigma

Alles deutet darauf hin, dass die Natur ohne den Menschen besser dran wäre. In der Tat: In der rezenten Geschichte gibt ein beredtes Musterbeispiel für das ungeheure Durchhaltevermögen der Natur, die ohne menschlichen Einfluss besser zurechtkommt. Dass die Auswirkungen der menschlichen Besiedlung für Tiere und Pflanzen schlimmer sind als sogar das Überleben in einer verstrahlten Natur, die als Todeszone dem Menschen verschlossen ist, belegt die albtraumhafte Wirklichkeit von mehr als 30 Jahren Atomkatastrophe Tschernobyl.

Im Ökosystem mit der höchsten Radioaktivität der Welt, im radiologischen Quarantänegebiet, das sich über mehr als 2 500 Quadratkilometer der Ukraine und Weißrusslands erstreckt, im von 350 000 Bewohnern geräumten Sperrgebiet von Tschernobyl, in diesem atomaren Todesareal haben sich in den letzten 30 Jahren viele Tiere niedergelassen, die das entvölkerte Gebiet zur Wahlheimat erkoren, wie Elche, Wölfe, Wildschweine, Otter, Füchse, Hasen und sogar Bären. In den höheren Sphären haben sich Vögel in Massen eingenistet. Aber vom Preis ihrer Freiheit ahnen sie alle nichts. Obwohl es in de

Reaktorunfall zu erheblichen Missbildungen bei den Tieren rund um Tschernobyl gekommen ist, wurde im Laufe der Zeit die Gruselgegend, wo Grün den bröckelnden Beton überwuchert, für die Vierbeiner immer attraktiver.

In dieser Zone mutierender Natur, in dieser radioaktiven Wildnis, passten sich nicht nur die Tiere, sondern auch viele Pflanzen der neuen Umgebung relativ rasch an. So vollzogen zum Beispiel Sojabohnen aus der Sperrzone eine molekulare Anpassung und enthielten dreimal so viel von einem Enzym namens Cystein-Synthase, das gegen Umweltstress schützt, wie nicht von der Radioaktivität betroffene Pflanzen.

Bei diesem Neustart der Natur ohne menschliche Einwirkung kam es zu unerwarteten Resultaten. Die von Wissenschaftlern innerhalb und außerhalb des Sperrgebiets gesammelten Blut-, Sperma- und Federproben von 150 Vögeln, die 16 verschiedenen Arten angehörten, zeigten erstaunlicherweise, dass die Tiere in Gebieten mit besonders hoher Strahlenbelastung im Durchschnitt gesünder waren, größer und mit geringeren Erbgutschäden als die aus weniger kontaminierten Gegenden. Als Ursache dafür vermuten die Forscher, dass Lebewesen in ihrem Körper sogenannte Antioxidantien entwickeln, um den schädlichen Einfluss der Strahlung zu neutralisieren und sogar zu überkompensieren. Diese unglaublichen Ergebnisse offenbaren, über welche Möglichkeiten verschiedene Spezies verfügen, um sich Herausforderungen wie in Tschernobyl und Fukushima zu stellen. Tschernobyl als ein Naturpark, eine Oase der Wildnis für viele Tiere und Pflanzen! Ein bizarres Idyll!

Hier kann man die unerhörten Überlebensfähigkeiten der Natur bewundern, für die der Mensch eigentlich nur ein unwillkommener Eindringling ist. Eine verstrahlte, aber glückliche Umwelt ohne Mensch! Eine verseuchte Natur, die sich selbst zu helfen weiß! Für die der Mensch nur ein Hemmschuh ist! Das heißt nicht, dass die Strahlung gut für die Natur ist, es zeigt nur, dass die Auswirkungen der menschlichen Besiedlung für sie schlimmer sind.